Allgemein25.06.20263 Min. Lesezeit

Warum Polizisten und Soldaten mehr Deadliften sollten als Laufen

Warum Polizisten und Soldaten mehr Deadliften sollten als Laufen

Dein Kamerad liegt verletzt im zweiten Stock. Du trägst 20 kg Ausrüstung. Er trägt dasselbe. Du musst ihn alleine rausbringen. In diesem Moment zählt dein Cooper-Ergebnis exakt null. Die einzige Frage: Bist du stark genug?

Militärische Leistungsforschung hat genau das untersucht. Soldaten, ein 75-kg-Dummy, 50 m, volle Ausrüstung. Ein erheblicher Anteil scheitert. Nicht wegen mangelnder Ausdauer. Die Maximalkraft hat schlicht nicht gereicht, um die Last überhaupt zu bewegen.

Wie das Ausdauer-Dogma entstanden ist

In den 1970er und 80er Jahren wurde aerobe Fitness als zentraler Gesundheitsmarker gesetzt. Wer weit läuft, ist fit. Militärische und polizeiliche Ausbildungssysteme haben dieses Modell übernommen. Cooper-Test, 3-Meiler, Beep-Test: Laufen wurde zum Standard.

Das Problem: Diese Tests messen Ausdauer. Sie messen nicht, ob du einen verletzten Kollegen tragen kannst. Nicht, ob du unter 30 kg Ausrüstung operativ beweglich bleibst. Und nicht, ob deine Sehnen und Knochen eine 20-jährige Dienstkarriere überstehen.

Was die Last wirklich mit dem Körper macht

Ein paar Zahlen, die man kennen sollte:

  • Regulärer Streifendienst: ca. 10 kg Grundausrüstung. Schon diese Last kann polizeispezifische Aufgabenleistung messbar senken — Studien nennen je nach Aufgabe Einbußen im zweistelligen Prozentbereich.
  • SEK und Spezialkräfte: 20 bis über 40 kg am Mann. Ab einem bestimmten Anteil des Körpergewichts bricht operative Mobilität bei Polizisten nachweislich ein.
  • Infanterie im Auslandseinsatz: teils weit über 40 kg Ausrüstung, was einem Großteil des eigenen Körpergewichts entspricht.

Wer mit diesen Lasten eine unzureichende Kraftbasis hat, entwickelt Überbelastungsschäden. In der Ausbildung oder im Einsatz.

Das Kraftverhältnis-Argument: reine Mathematik

Zwei Einsatzkräfte, beide 80 kg. Person A zieht 120 kg im Deadlift. Person B zieht 180 kg. Beide tragen jetzt 45 kg Ausrüstung und Körperpanzer. Person A bewegt sich bei rund 38% ihrer Maximalkraft. Person B bei rund 25%. Die Last ist identisch. Die physiologische Belastung ist es nicht.

Person B hält länger durch, schützt die Gelenke mehr und hat Reserve für das, was danach kommt: klettern, sprinten, kämpfen, Entscheidungen treffen. Das ist keine Powerlifter-Logik. Das ist operative Physiologie.

Maximalkraft als Fundament der Kraftausdauer

Es gibt diesen Gedanken, dass man Kraft-Ausdauer separat trainieren müsste, irgendwo zwischen Maximalkraft und Cardio. Das ist zu kurz gedacht. Kraft-Ausdauer ist eine eigene Fähigkeit — aber ihre Basis ist die Maximalkraft.

Je höher das Maximum, desto geringer der prozentuale Kraftaufwand bei jeder Teillast. Das wirkt direkt auf die lokale Ermüdungsresistenz und schiebt die Schwelle, ab der Muskeln versagen, nach oben. Das ist keine Theorie, das sehen wir im Coaching täglich.

Wenn jemand zu uns kommt und wir einen Maximalkrafttest machen: Die Ausdauerwerte sind meistens passabel. Was fehlt, fast immer, ist Kraft im Bereich von 1 bis 5 Wiederholungen. Bei 8 bis 12 Wiederholungen geht noch was. Aber bei echtem Maximalgewicht sind viele deutlich schwächer als man es für ihren Körper und ihre Aufgaben erwarten würde.

Drei Denkfehler, die wir immer wieder sehen

  • Laufen gleich Fitness: Wer weit und schnell läuft, gilt als einsatzbereit. Krafttraining an freien Gewichten gilt als optional. Das Ergebnis sind Einsatzkräfte mit guten Laufzeiten, die ihren Kameraden nicht 50 m weit tragen können.
  • Liegestütze und Situps ersetzen echtes Krafttraining: Tun sie nicht. Sie trainieren Kraft-Ausdauer auf niedrigem Lastniveau. Maximalkraft bauen sie nicht auf.
  • Krafttraining ist Verletzungsrisiko: Das Gegenteil ist belegt. Maximalkrafttraining stärkt Knochen, Sehnen und den passiven Bewegungsapparat strukturell. Das ist der effektivste Schutz vor den Belastungen im Dienst.

Ab welchen Kraftwerten man physiologisch bereit ist

Sportwissenschaftliche Leitlinien und Forschung im Bereich militärische Leistungsphysiologie nennen konkrete Richtwerte für operative Kraftbereitschaft. Für Männer im Einsatz gilt als Mindestbaseline:

  • Deadlift: 1,5x Körpergewicht für 1 Wiederholung
  • Kniebeuge: 1,25x Körpergewicht für 1 Wiederholung
  • Bankdrücken: Körpergewicht für 1 Wiederholung

Keine Spitzensportwerte. Schwellenwerte. Wer darunter liegt, hat keine Reserve mehr, wenn es darauf ankommt.

Was das für das Training bedeutet

Ausdauertraining bleibt drin. Ausdauer ist wichtig, für Einsatzstress, Regeneration, kognitive Leistung unter Belastung. Aber die Reihenfolge muss sich ändern.

Maximalkraft ist das Fundament. Wer zwei bis drei Mal pro Woche schwere Verbundübungen trainiert, Deadlift, Kniebeuge, Rudern, Press, und dabei in Bereichen von 3 bis 5 Wiederholungen mit maximalem Gewicht arbeitet, baut die Basis auf, die im Einsatz den Unterschied macht. Nicht auf dem Papier. In der Realität.

Das ist der Kern dessen, was wir im PPF System aufbauen. Keine Fitness für den Test. Fitness für das, was danach kommt.

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Niklas Voss

Niklas Voss

Gründer PPF Germany · Ehemaliger Soldat

Niklas ist ehemaliger Soldat und Gründer von PPF Germany. Seit 2019 hat er mit seinem Team aus aktiven Spezialeinheitsangehörigen über 738 Athleten erfolgreich durch militärische und polizeiliche Auswahlverfahren begleitet.

Experte für Auswahlverfahren seit 2019Autor-Profil →Alle Trainer

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