Militärisch20.09.20266 Min. Lesezeit

SERE-Training: Was die Stufen A, B und C der Bundeswehr bedeuten

SERE-Training: Was die Stufen A, B und C der Bundeswehr bedeuten

Kurze Antwort: SERE steht bei der Bundeswehr für Survival, Evasion, Resistance, Extraction, auf Deutsch Überleben, Ausweichen oder Flucht, Widerstand und Rückführung. Die Ausbildung ist in drei Stufen gegliedert, die laut Bundeswehr ausdrücklich nicht aufeinander aufbauen. Level A ist reine Theorie. Level B ist die Mindestanforderung für Soldatinnen und Soldaten mit mittlerem Risiko. Level C geht darüber hinaus und behandelt zusätzlich das Verhalten in Kriegsgefangenschaft.

Über SERE kursiert viel Halbwissen, weil das Thema nach Geheimnis klingt und Anbieter mit dem Begriff werben. Dieser Artikel hält sich deshalb an das, was offizielle Stellen selbst veröffentlicht haben. Alle Zitate stammen von bundeswehr.de, dem österreichischen Bundesheer und der Schweizer Armee. Wo etwas nicht öffentlich belegt ist, steht das ausdrücklich dabei.

Wofür SERE steht

Die Bundeswehr löst die Abkürzung so auf: „Survival – Evasion – Resistance – Extraction, zu Deutsch: Überleben, Ausweichen/Flucht, Widerstand und Rückführung.“ Dieselbe Auflösung verwendet sie in Berichten aus Litauen und aus Pfullendorf. Gemeint ist das Verhalten, wenn jemand von den eigenen Kräften abgeschnitten wird.

Wer international liest, stolpert über eine Abweichung beim letzten Buchstaben. Die US-Luftwaffe führt ihre Spezialisten unter der Bezeichnung Survival, Evasion, Resistance, Escape. Auch das österreichische Bundesheer schreibt in einer Broschüre zum Jagdkommando von der „international-genormte[n] und anspruchsvolle[n] Überlebensausbildung SERE (Survival, Evasion, Resistance and Escape)“. Die drei hier ausgewerteten Berichte der Bundeswehr verwenden dagegen Extraction, also Rückführung. Aus der unterschiedlichen Auflösung allein lässt sich allerdings kein Unterschied in den Ausbildungsinhalten ableiten. Auch die Schweizer Luftwaffe schreibt Extraction.

Die drei Stufen: Level A, B und C

Die Bundeswehr unterscheidet drei Stufen. Entscheidend für das Verständnis ist ein Satz aus dem Bericht über das Training in Litauen: „Diese Stufen sind nicht aufbauend gestaltet und unterscheiden sich in den Ausbildungsinhalten, der Form der Durchführung sowie darin, für welchen Personenkreis und Gefährdungslage sie vorgesehen sind.“ Es ist also keine Leiter, die man nach oben durchläuft. Die folgenden Beschreibungen sind wörtlich aus einer Veröffentlichung des Heeres vom 4. Juli 2023 übernommen:

StufeOffizielle BeschreibungEinordnung
Level A„ist eine ausschließlich theoretische Ausbildung“Grundlagen und Bewusstsein für die Lage, kein Feldanteil
Level B„ist die Mindestanforderung für Soldatinnen und Soldaten mit mittlerem Risiko, von eigenen Kräften abgeschnitten zu werden“Theorie und Praxis im Gelände
Level C„vermittelt darüberhinausgehende Fertigkeiten im Überleben und Durchschlagen sowie zweckmäßiges Verhalten in Kriegsgefangenschaft“Für Personenkreise mit hoher Gefährdung, etwa Spezialkräfte und fliegendes Personal

Welche Stufe jemand durchläuft, richtet sich nach der Gefährdung. Der Bericht aus Litauen erklärt das so: „So ist ein Soldat der Spezialkräfte oder ein Pilot, der feindliches Gebiet überfliegt, einem höheren Risiko ausgesetzt, als beispielsweise ein Logistiker im rückwärtigen Raum.“ Eine vollständige Übersicht, welche Verwendung zwingend welche Stufe verlangt, haben wir in den öffentlichen Quellen nicht gefunden.

Wie Level B in der Praxis abläuft

Zwei offizielle Berichte zeigen, wie unterschiedlich dieselbe Stufe aussehen kann.

Artillerielehrbataillon 345, Bericht vom Juli 2023: eine „zweiwöchige Ausbildung von circa 45 Teilnehmenden“. Die erste Woche ist Theorie, die zweite Praxis im Gelände, mit Übernachtungen draußen und einer „anschließende[n] 36-stündige[n] Durchschlageübung“. Diese 36 Stunden gehören zu diesem Lehrgang, sie sind keine allgemeine Vorgabe für jedes Level-B-Training. Ausgebildet wird von eigenen Ausbildern des Bataillons, die Teilnehmer reichen vom Gefreiten bis zum Oberleutnant.

Panzerkompanie in Litauen, Bericht vom Januar 2023: rund 60 Soldaten, einschließlich Vorausbildung fünf Tage und zwei Nächte, bei Temperaturen „zwischen -10°C und -15°C“ und etwas über 15 Kilometern Marschleistung. Schwerpunkt war unter diesen Bedingungen der Wärmeerhalt.

Die beiden dokumentierten Durchführungen unterscheiden sich deutlich in Dauer, Gruppengröße und Schwerpunkt. Über verbindliche Lehrpläne sagt das nichts aus, zeigt aber: Wer nach der einen Zahl für „die SERE-Ausbildung“ sucht, wird sie nicht finden.

Wer in Deutschland ausbildet

Zwei Wege sind offiziell belegt. Erstens bilden Truppenteile selbst aus, mit eigenen SERE-Ausbildern, wie das Beispiel aus Idar-Oberstein zeigt.

Zweitens gibt es das Ausbildungszentrum Spezielle Operationen in Pfullendorf. Die Einrichtung geht auf die 1979 gegründete internationale Fernspähschule zurück und trägt seit 2003 ihren heutigen Namen. Laut eigener Darstellung führt es lehrgangsgebundene Ausbildung für nationale Spezialkräfte und spezialisierte Kräfte durch, dazu internationale Kräfte auf Grundlage einer Vereinbarung. Als Ausbildungsbereiche nennt die Seite unter anderem „Überleben und Verhalten bei Gefangennahme“, also genau den Kern von SERE, auch wenn die Abkürzung dort nicht fällt.

Dass dort nicht nur Spezialkräfte trainieren, zeigt ein Bericht vom Dezember 2024: Offizieranwärterinnen und Offizieranwärter der Luftwaffe absolvierten in Pfullendorf einen viertägigen Überlebenslehrgang mit Unterkunftsbau, Feuer, Nachtorientierungsmärschen, Gewässerüberquerung und Nahrungsbeschaffung. Welcher Stufe dieser Lehrgang zugeordnet ist, steht in dem Bericht nicht.

Was offiziell nicht veröffentlicht ist

Zwei Dinge fehlen hier bewusst:

  • Eine Übersicht, welche Verwendung zwingend Level A, B oder C verlangt. Eine solche Liste haben wir öffentlich nicht gefunden, was nicht heißt, dass es sie intern nicht gibt
  • Methoden und Prüfungsdetails des Resistance-Anteils, also alles rund um simulierte Gefangenschaft. Darauf verzichten wir bewusst

Der übergeordnete Rahmen ist dagegen öffentlich: Die Rückholung von Personal aus feindlicher Umgebung ist in der NATO über ein Standardisierungsabkommen geregelt, STANAG 6511 mit der zugehörigen Doktrin AJP-3.7. Wer im Netz auf sehr präzise Zahlen zu Abläufen und Prüfungen stößt, sollte dagegen fragen, woher sie stammen.

Österreich und Schweiz

Beide Länder verwenden den Begriff offiziell, jeweils mit eigener Schreibweise.

Das österreichische Verteidigungsministerium nennt in einer Broschüre zum Jagdkommando die „international-genormte und anspruchsvolle Überlebensausbildung SERE“ ausdrücklich als Ausbildungsinhalt. Daneben ist eine Überlebensausbildung im Hochgebirge für angehende Militärpiloten dokumentiert: fünf Tage im September 2018 durch das Gebirgskampfzentrum, mit einer dreitägigen Überlebensübung im Gletscher- und Felsgelände am Dachstein. Die Begründung dort: Wegen der Topographie Österreichs und weil bei Auslandseinsätzen Hochgebirgsregionen überflogen werden, sei ein solches Training für alle zukünftigen Piloten unabdingbar.

In der Schweiz ist SERE sogar organisatorisch verankert. Die Luftwaffe unterhält am Militärflugplatz Emmen einen „Fachdienst SERE“, der früher Fachdienst Überleben hieß. Er löst die Abkürzung als Survival Evasion Resistance Extraction auf und versteht sich als Fachstelle für Personnel Recovery, also Personenrückführung. Laut dem Bulletin des Flugplatzkommandos Emmen führt er jährlich 70 bis 80 Kurse mit 500 bis 600 Teilnehmenden durch und ist an der Auswahl der Ausrüstung für fliegende Besatzungen beteiligt.

Daneben bildet das Ausbildungszentrum Spezialkräfte aus, mit einer 23 Wochen dauernden Rekrutenschule in Isone und Kursen wie „Leben im Feld“, in denen Teilnehmende das Grundverhalten in den Bereichen Leben, Kämpfen und Überleben anwenden.

Was das für Bewerber heißt

Die Lehrgänge der Bundeswehr hängen an Auftrag und Gefährdung der jeweiligen Verwendung. Man bucht sie nicht, man bekommt sie zugewiesen. Ob jemand SERE schon kennt, hängt deshalb von seiner bisherigen Ausbildung und Verwendung ab. Wie solche Lehrgänge im Gesamtbild der KSK-Ausbildung liegen, haben wir dort beschrieben.

Vorbereiten lässt sich trotzdem etwas. In den ausgewerteten Berichten tauchen immer wieder dieselben Grundlagen auf: Orientierung im Gelände, Wärmeerhalt, Bewegung über lange Strecken mit Last und Zusammenarbeit im Team unter schlechten Bedingungen. Das sind keine Geheimnisse, sondern Fertigkeiten, die man üben kann, bevor jemand sie prüft.

Belastung über Stunden trainieren: PFC x SERE

In unserer dreitägigen Praxissimulation in München verbinden wir medizinische Versorgung über Stunden mit SERE-Inhalten, einer Nachtphase und einer Hunter Force im Gelände. Planungsstand ist Dezember 2026, die Interessentenliste ist offen.

Zur Interessentenliste

Quellen

Häufige Fragen

Wofür steht die Abkürzung SERE?

Die Bundeswehr löst SERE auf als Survival, Evasion, Resistance, Extraction, auf Deutsch Überleben, Ausweichen oder Flucht, Widerstand und Rückführung. Die US-Luftwaffe und das österreichische Bundesheer schreiben dagegen Escape. Gemeint ist in allen Fällen das Verhalten, wenn jemand von den eigenen Kräften abgeschnitten wird.

Welche SERE-Stufen gibt es bei der Bundeswehr?

Drei. Level A ist laut Bundeswehr eine ausschließlich theoretische Ausbildung. Level B ist die Mindestanforderung für Soldatinnen und Soldaten mit mittlerem Risiko, von eigenen Kräften abgeschnitten zu werden. Level C vermittelt darüber hinausgehende Fertigkeiten im Überleben und Durchschlagen sowie das Verhalten in Kriegsgefangenschaft. Die Stufen bauen laut Bundeswehr ausdrücklich nicht aufeinander auf, sondern richten sich nach Personenkreis und Gefährdung.

Wie lange dauert eine SERE-Ausbildung?

Die dokumentierten Lehrgänge unterscheiden sich deutlich. Ein Bericht des Artillerielehrbataillons 345 beschreibt eine zweiwöchige Ausbildung mit rund 45 Teilnehmenden, davon eine Woche Theorie und eine Woche Praxis samt 36-stündiger Durchschlageübung. Für eine Panzerkompanie in Litauen waren es einschließlich Vorausbildung fünf Tage und zwei Nächte bei minus 10 bis minus 15 Grad. Eine allgemeingültige Dauer lässt sich aus diesen Berichten nicht ableiten.

Wer bildet SERE in Deutschland aus?

Truppenteile bilden mit eigenen SERE-Ausbildern aus, das zeigt das Beispiel des Artillerielehrbataillons 345. Daneben gibt es das Ausbildungszentrum Spezielle Operationen in Pfullendorf, das nach eigener Darstellung Spezialkräfte und spezialisierte Kräfte ausbildet und als Ausbildungsbereich unter anderem Überleben und Verhalten bei Gefangennahme nennt.

Kann man SERE als Zivilist machen?

Die Stufen A, B und C sind Ausbildung der Bundeswehr und hängen an Auftrag und Gefährdung der jeweiligen Verwendung. Zivil lassen sich einzelne Fertigkeiten trainieren, etwa Orientierung, Wärmeerhalt, improvisierter Schutz und Bewegung mit Last über lange Strecken. Eine militärische Qualifikation entsteht dadurch nicht.

Gibt es SERE auch in Österreich und der Schweiz?

Ja, in beiden. Das österreichische Verteidigungsministerium nennt SERE in einer Broschüre zum Jagdkommando ausdrücklich als Ausbildungsinhalt, dort in der Variante Survival, Evasion, Resistance and Escape. Die Schweizer Luftwaffe unterhält am Flugplatz Emmen einen Fachdienst SERE, der die Abkürzung mit Extraction auflöst und jährlich 70 bis 80 Kurse durchführt.

Niklas Voss

Niklas Voss

Gründer PPF Germany · Ehemaliger Soldat

Niklas ist ehemaliger Soldat und Gründer von PPF Germany. Seit 2017 hat er mit seinem Team aus aktiven Spezialeinheitsangehörigen über 738 Athleten erfolgreich durch militärische und polizeiliche Auswahlverfahren begleitet.

Experte für Auswahlverfahren seit 2017Autor-Profil →Alle Trainer

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