Bleeding Control: Warum Blutungskontrolle die wichtigste taktische Fertigkeit ist

24% aller Trauma-Todesfälle gelten als vermeidbar. Von diesen vermeidbaren Toden gehen 90% auf Hämorrhagie zurück, also auf unkontrollierte Blutungen. Das sind Zahlen aus einer vielzitierten Studie von Eastridge et al. (2012), die Todesfälle im US-Militär über 10 Jahre ausgewertet hat.
Die Zahlen für Deutschland sehen ähnlich aus: Etwa 15% der Traumatode gelten als vermeidbar, davon sind 57,5% auf externe Blutungen zurückzuführen. Das heißt: Menschen sterben an Verletzungen, die mit den richtigen Handgriffen in den ersten Minuten hätten kontrolliert werden können.
Bleeding Control, oder B-CON, ist genau das: die Fähigkeit, lebensbedrohliche Blutungen zu erkennen und zu stoppen. Kein theoretisches Konzept, sondern eine handfeste Fertigkeit mit klaren Techniken und klarer Ausrüstung.
Warum Blutungskontrolle an erster Stelle steht
Wer sich mit taktischer Medizin beschäftigt, stößt früh auf den MARCH-Algorithmus. MARCH ist die Reihenfolge, in der man Verletzte versorgt. Und M steht für Massive Hemorrhage, also massive Blutung. Nicht Airway, nicht Breathing. Blutung kommt zuerst.
Das war nicht immer so. In der klassischen Notfallmedizin galt jahrzehntelang ABC: Airway, Breathing, Circulation. Erst Atemwege, dann Beatmung, dann Kreislauf. Das Problem: Wer eine arterielle Blutung am Oberschenkel hat, ist verblutet, bevor du mit der Atemwegssicherung fertig bist.
Das Militär hat das zuerst verstanden. Die US Army Rangers haben eine vermeidbare Todesrate von nur 3%, verglichen mit 24% im Durchschnitt anderer Einheiten. Der Hauptgrund: konsequentes Tourniquet-Training und die Priorisierung von Blutungskontrolle.
Die Ausrüstung
Für effektive Blutungskontrolle braucht man nicht viel, aber das Richtige. Die Basics:
Tourniquet
Das CAT (Combat Application Tourniquet, ca. 30 EUR) oder das SOFTT-W (Special Operations Forces Tactical Tourniquet, ca. 35 EUR) sind die Standards. Beides Ein-Hand-tauglich, also auch zur Selbstanlage geeignet. Wichtig: Nur geprüfte Produkte kaufen. Billige Kopien vom Marketplace versagen unter Belastung.
Hämostyptika
Celox Gauze oder QuikClot Combat Gauze (ca. 35-45 EUR pro Rolle). Das sind Verbandsstoffe, die mit gerinnungsfördernden Substanzen behandelt sind. Man packt sie direkt in die Wunde, um die Blutung an der Quelle zu stoppen. Klingt brutal, funktioniert.
Druckverband
Der Israeli Bandage (Emergency Bandage, ca. 8 EUR) ist der bekannteste taktische Druckverband. Er hat einen eingebauten Druckapplikator und lässt sich mit einer Hand anlegen.
Chest Seal
Für penetrierende Thoraxverletzungen (Stich- oder Schusswunden im Brustbereich). Das HyFin Vent Chest Seal (ca. 15 EUR) ist der gängige Standard. Es verschließt die Wunde und verhindert einen Spannungspneumothorax.
Die gesamte Ausrüstung passt in ein IFAK (Individual First Aid Kit), das man am Gürtel oder in der Tasche tragen kann. Gesamtkosten für ein ordentliches IFAK: zwischen 80 und 150 EUR.
Techniken Schritt für Schritt
Tourniquet-Anlage
- Tourniquet 5-8 cm oberhalb der Blutung anlegen (never over a joint)
- Band so fest wie möglich anziehen
- Windlass (Drehstab) drehen, bis die Blutung steht
- Windlass arretieren und sichern
- Uhrzeit notieren (mit Edding auf die Stirn oder das Tourniquet selbst)
- Nicht lösen. Das macht der Arzt im Krankenhaus
Wound Packing (Wundpackung)
- Wunde identifizieren und freilegen (Kleidung weg)
- Mit den Fingern die Blutungsquelle in der Wunde finden
- Hämostyptische Gaze fest in die Wunde packen, direkt auf die Blutungsquelle
- Von innen nach außen füllen, so fest wie möglich
- 3 Minuten direkten Druck auf die gepackte Wunde ausüben
- Druckverband darüber
Direkter Druck
Die Low-Tech-Variante: Beide Hände auf die Wunde, mit vollem Körpergewicht drücken, nicht loslassen. Funktioniert bei oberflächlichen bis mittelschweren Blutungen. Bei arteriellen Blutungen an den Extremitäten reicht direkter Druck allein meistens nicht aus.
Die 4 D's der Blutungskontrolle
Im MARCH-Algorithmus gibt es für das M (Massive Hemorrhage) vier Entscheidungskriterien, die sogenannten 4 D's:
- Detect: Blutung erkennen (Kleidung entfernen, systematisch absuchen)
- Direct Pressure: Sofort Druck auf die Wunde
- Devices: Tourniquet oder Hämostyptika einsetzen
- Don't dilute: Keine unnötigen Infusionen, die das Blut verdünnen und die Gerinnung stören
B-CON vs. Stop The Bleed vs. TECC vs. TCCC
Im Bereich taktische Medizin gibt es eine Hierarchie von Ausbildungsstufen. Die Abgrenzung:
- Stop The Bleed (STB): Einsteigerkurs für Laien, 2-8h, nur Blutungskontrolle
- B-CON (Bleeding Control): Erweiterter Kurs, mehr Praxis, realistischere Szenarien, oft Grundlage für weiterführende Ausbildung
- TECC (Tactical Emergency Casualty Care): Vollständiges taktisches Medizin-Protokoll für Einsatzkräfte, 8-16h, das komplette MARCH-Schema unter dem 3-Phasen-Modell
- TCCC (Tactical Combat Casualty Care): Militärische Version von TECC, für Soldaten im Gefecht
B-CON ist die Brücke zwischen dem reinen Laien-Kurs (STB) und der vollständigen taktischen Medizin-Ausbildung (TECC/TCCC).
10 häufige Fehler bei der Blutungskontrolle
- Tourniquet zu locker anlegen (muss weh tun, sonst wirkt es nicht)
- Tourniquet über Gelenke legen (funktioniert dort nicht)
- Wound Packing zu zaghaft (die Gaze muss fest in die Wunde, nicht locker draufgelegt)
- Nur eine Lage Verbandsmaterial verwenden statt die Wunde komplett auszupacken
- Tourniquet nach Anlage wieder lösen ('mal gucken, ob es noch blutet')
- Keine Uhrzeit notieren (der Chirurg muss wissen, wie lange es liegt)
- Billige Tourniquet-Kopien verwenden, die unter Belastung brechen
- Blutung nicht erkennen, weil man die Kleidung nicht entfernt hat
- Bei junctional Blutungen (Leiste, Achsel, Hals) ein Tourniquet versuchen statt Wound Packing
- 3 Minuten direkten Druck nicht durchhalten (die meisten hören nach 30 Sekunden auf)
Rechtslage in Deutschland
Tourniquets und hämostyptische Gaze sind in Deutschland frei verkäuflich. Es gibt keine Einschränkungen beim Erwerb oder Besitz. Die DGAI (Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin) hat 2016 eine Handlungsempfehlung herausgegeben, die den Tourniquet-Einsatz auch durch Laien ausdrücklich empfiehlt.
Wichtig: Auf dem Markt gibt es gefälschte Tourniquets, die äußerlich kaum vom Original zu unterscheiden sind. Diese Fälschungen halten den nötigen Kräften nicht stand. Tourniquets nur bei autorisierten Händlern kaufen.
Häufige Fragen
Was gehört in ein IFAK?
Minimum: 1x Tourniquet (CAT oder SOFTT-W), 1x hämostyptische Gaze (Celox/QuikClot), 1x Israeli Bandage, 1x Chest Seal (HyFin Vent), 1 Paar Handschuhe, 1x Rettungsdecke. Alles zusammen passt in eine Tasche so groß wie eine Faust.
Kann ein Tourniquet den Arm oder das Bein kosten?
Extrem unwahrscheinlich. Studien zeigen, dass Tourniquets bis zu 6 Stunden liegen können, ohne dauerhafte Schäden zu verursachen. Die meisten Patienten werden innerhalb von 1-2 Stunden im Krankenhaus versorgt. Ohne Tourniquet ist der Patient in 5 Minuten tot. Die Rechnung geht eindeutig auf.
Was ist der Unterschied zwischen Celox und QuikClot?
Beide sind hämostyptische Verbandsstoffe, die die Blutgerinnung beschleunigen. Celox basiert auf Chitosan (aus Krabbenschalen), QuikClot auf Kaolin (einer Tonerde). In der Praxis funktionieren beide zuverlässig. Die meisten Militärs weltweit nutzen QuikClot Combat Gauze, weil sie vom CoTCCC empfohlen wird.
Gibt es einen Unterschied zwischen B-CON und Stop The Bleed?
Ja. Stop The Bleed ist ein standardisierter Laien-Kurs mit festem Curriculum. B-CON geht in der Regel tiefer, arbeitet mit realistischeren Szenarien und bereitet besser auf weiterführende Ausbildungen wie TECC vor.
Für wen ist ein Bleeding-Control-Kurs sinnvoll?
Für alle, die über den Standard-Erste-Hilfe-Kurs hinausgehen wollen. Besonders sinnvoll für Polizeibeamte, Sicherheitskräfte, Rettungsdienstpersonal, Feuerwehrleute und Soldaten, aber auch für Lehrer, Betriebsersthelfer oder Privatpersonen, die wissen wollen, was im Ernstfall zu tun ist.
Wo kann ich einen B-CON-Kurs machen?
PPF Germany bietet einen Bleeding Control Kurs ab 99 EUR an: 5 Stunden Praxis mit SOF-Instructors, die das Ganze nicht nur aus dem Lehrbuch kennen. Inklusive C-TECC- und STB-Zertifikat.
Bleeding Control Kurs bei PPF Germany
Tourniquet, Wound Packing, Chest Seal: Alles was du für lebensbedrohliche Blutungen wissen musst. 5h Praxis, ab 99 EUR.
Zum Bleeding Control Kurs →Niklas Voss
Gründer PPF Germany · Ehemaliger Soldat
Niklas ist ehemaliger Soldat und Gründer von PPF Germany. Seit 2019 hat er mit seinem Team aus aktiven Spezialeinheitsangehörigen über 738 Athleten erfolgreich durch militärische und polizeiliche Auswahlverfahren begleitet.
Passend zum Thema

Guide
SEK Auswahlverfahren Guide — Sporttest, Kognition & Taktik
Erstellt mit aktiven SEK-Beamten, basierend auf über 30 bestandenen SEK-Auswahlverfahren. Video + PDF-Handout: Sporttest-Anforderungen, kognitiver Leistungstest, Schießtest, Hindernisparcours und Auswahlgespräch — deine Roadmap fürs SEK-EAV.
Mehr erfahren →
Guide
KSK Auswahlverfahren Guide — PFV 1-3 komplett erklärt
24 Seiten, erstellt mit ehemaligen KSK-Soldaten. Alles über die Potenzialfeststellung (PFV) 1-3: Härtetest, CAT-Test, 5x1000m Intervalltest, kognitive Prüfung und finale Selektion. Dein erster Schritt Richtung KSK.
Mehr erfahren →Bereit für dein Auswahlverfahren?
Lass uns in einem kostenlosen Gespräch deine Situation besprechen und eine individuelle Strategie entwickeln.
Kostenloses Gespräch buchenWöchentliche EAV-Tipps
Jeden Montag: Trainings-Tipps, Insider-Wissen und Strategien direkt in dein Postfach.
Kein Spam. Jederzeit abbestellbar.
Weiterführende Inhalte
Weitere Artikel

Was ist TECC? Wie aus der Gefechtsfeld-Medizin ein ziviler Standard wurde
TECC (Tactical Emergency Casualty Care) hat seinen Ursprung im Militär und ist heute der Standard für taktische Notfallmedizin bei Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Geschichte, Unterschiede zu TCCC und warum das Thema in Deutschland angekommen ist.
Weiterlesen
Stop The Bleed: Was hinter dem Kurs steckt und wo du ihn in Deutschland machst
Stop The Bleed ist ein internationales Programm, das Laien beibringt, lebensbedrohliche Blutungen zu stoppen. Entstehung nach Sandy Hook, Kursinhalte, Anbieter in Deutschland und warum das Thema auch hierzulande relevant ist.
Weiterlesen
Einstellungstest Bundespolizei mittlerer Dienst – Ablauf, Inhalte & Vorbereitung
Der komplette Guide zum Einstellungstest der Bundespolizei: Diktat, Sporttest, persönliches Gespräch und polizeiärztliche Untersuchung im Detail erklärt.
Weiterlesen