Polizei29.03.20269 Min. Lesezeit

Wiener Testsystem: Aufbau, Module und gezielte Vorbereitung für das EAV

Wiener Testsystem: Aufbau, Module und gezielte Vorbereitung für das EAV

Viele Bewerber bereiten sich monatelang auf den Sporttest vor. Cooper auf 3.200 m, Klimmzüge auf 15, Hindernisbahn unter der Zielzeit. Dann kommt der Kopf-Block, und der Determinationstest startet: neun Signalkanäle gleichzeitig, farbige Lichter, Töne, Fußpedale. Die Geschwindigkeit steigt, bis du Fehler machst. Wer das nicht kennt, verliert im ersten Durchgang den Faden.

Das Wiener Testsystem ist das am häufigsten eingesetzte computergestützte Kognitionsverfahren in deutschen Polizei- und Bundeswehr-Auswahlverfahren. Dieser Artikel erklärt, wie es aufgebaut ist, was die einzelnen Module messen, wie Ergebnisse bewertet werden und wie du dich vorbereitest.

Was ist das Wiener Testsystem?

Das Wiener Testsystem (WTS) ist eine computergestützte Testbatterie der Schuhfried GmbH mit Sitz in Mödling, Österreich. Es besteht aus mehreren Dutzend Einzelmodulen, die je nach Zweck kombiniert werden. In Deutschland wird es von Polizeibehörden, der Bundeswehr und psychologischen Diensten für Eignungsfeststellungen eingesetzt.

Kein Papiertest, kein Fragebogen. Die Tests laufen über spezialisierte Probandentastaturen und Fußpedale, die auf Millisekundengenauigkeit ausgelegt sind. Teile des Systems passen die Schwierigkeit adaptiv an die Leistung des Probanden an. Anders als beim FAIR-2 oder anderen papiergestützten Konzentrationstests protokolliert der Computer, ob du richtig liegst und wie schnell. Er unterscheidet dabei zwischen Reaktionszeit und motorischer Zeit.

Taktische Entscheidungen laufen in Sekundenbruchteilen. Ein Bewerber, der immer richtig antwortet, aber 400 ms zu langsam ist, zeigt ein anderes Profil als jemand mit 220 ms Reaktionszeit und 95% Trefferquote. Das WTS erfasst beide Dimensionen.

Die wichtigsten Module im EAV-Kontext

Das Wiener Testsystem umfasst über 100 Module. Im EAV-Kontext tauchen immer wieder dieselben auf. Welche Module genau welche Einheit einsetzt, ist nicht öffentlich dokumentiert. Die folgende Übersicht zeigt, welche Module im EAV regelmäßig auftauchen und was sie testen.

DT — Determinationstest

Der Determinationstest ist das Herzstück kognitiver EAV-Prüfungen. Er arbeitet mit neun Signalkanälen gleichzeitig: fünf verschiedenfarbige Lichtsignale auf dem Bildschirm, zwei akustische Töne (hoch und tief) und zwei Fußpedale. Jedes Signal erfordert eine spezifische Reaktionstaste oder ein Pedal. Die Aufgabe läuft kontinuierlich, ohne Pausen.

Das Besondere: Der DT ist adaptiv. Reagierst du schnell und fehlerfrei, dreht das System das Tempo hoch, bis du an deine Grenze kommst. Bei Fehlern oder Verzögerungen bremst es wieder ab. So findet der Test exakt den Punkt, an dem du unter Multitasking-Druck die Kontrolle verlierst.

Der DT erfasst sechs Parameter: Reaktionszeit, motorische Zeit, korrekte Reaktionen, Fehler, Auslassungen und Antizipationen. Letztere erkennt das System, wenn du zu schnell drückst, also rätst statt verarbeitest. Wer nach 10 Minuten deutlich langsamer wird oder mehr Fehler macht, zeigt eingeschränkte Belastungstoleranz. Der DT gilt als eines der anspruchsvollsten Module im gesamten WTS.

DAUF — Daueraufmerksamkeit

Nicht mit dem Determinationstest verwechseln. Während der DT eine Art Sperrfeuer simuliert, misst DAUF die Fähigkeit, über einen langen Zeitraum aufmerksam zu bleiben, wenn die Aufgabe bewusst einfach gehalten ist. Das Testdesign setzt auf monotone, gleichförmige Reize. Gemessen wird nicht, ob du die Aufgabe verstehst. Entscheidend ist, ob du nach 20 oder 30 Minuten noch genauso präzise arbeitest wie am Anfang.

Observationen, Wachdienst, langwierige Sicherungsaufgaben. Wer unter Monotonie die Konzentration verliert, fällt im DAUF über die Testdauer deutlich ab.

RT — Reaktionstest

Der Reaktionstest misst einfache und Wahlreaktionszeit. Bei der einfachen Reaktion gibt es nur ein Signal und eine Antwort. Bei der Wahlreaktion erscheinen mehrere mögliche Reize, und die richtige Taste hängt vom Reiz ab. Je mehr Wahlmöglichkeiten, desto höher die mentale Belastung.

Im EAV zählt die Wahlreaktionszeit, weil sie zeigt, wie schnell du entscheidest, wenn mehrere Reize gleichzeitig kommen. Wer hier langsam ist, ist es im Einsatz auch. Mehr dazu im Reaktionstest-Artikel.

COG — Cognitrone

Cognitrone testet Konzentration und selektive Aufmerksamkeit. Auf dem Bildschirm erscheinen geometrische Figuren, und die Aufgabe ist es, eine Zielfigur in einer Vergleichsreihe zu identifizieren. Die Verarbeitungsgeschwindigkeit und Fehlerrate ergeben zusammen das Konzentrationsprofil.

COG ist weniger ein Geschwindigkeitstest als eine Genauigkeitsprüfung. Wer beim DT schnell, aber schlampig arbeitet, fliegt hier auf. Deshalb setzen viele Einheiten COG und DT zusammen ein.

VIGIL — Vigilanztest

Vigilanz ist die Fähigkeit, über einen längeren Zeitraum aufmerksam zu bleiben, wenn Signale selten und unregelmäßig auftreten. Der Vigilanztest simuliert monotone Überwachungsaufgaben: Du wartest auf ein seltenes Zielsignal zwischen vielen Nicht-Signalen und musst reagieren, wenn es erscheint.

Relevant für Einheiten, bei denen Überwachungs- und Sicherungsaufgaben zum Alltag gehören. Wer nach 20 Minuten Wartezeit Signale übersieht, ist für solche Aufgaben nicht geeignet.

LVT — Linienverfolgungstest

Der LVT testet die visuelle Orientierungsleistung und selektive Aufmerksamkeit in komplexen Strukturen. Auf dem Bildschirm erscheinen verschlungene Linien. Die Aufgabe: eine bestimmte Linie mit den Augen verfolgen und das richtige Ende identifizieren. Das klingt trivial, ist unter Zeitdruck und bei hoher Liniendichte aber ein präziser Indikator für visuelle Verarbeitungsfähigkeit.

Im Einsatzkontext übertragbar auf Kartenlesen, Verfolgung von Zielpersonen in unübersichtlichem Gelände oder die Orientierung in komplexen Gebäudestrukturen.

Weitere relevante Module

Je nach Einheit und Testbatterie kommen zusätzliche Module zum Einsatz:

  • PP (Periphere Wahrnehmung): Erfasst die Wahrnehmung von Reizen am Rand des Gesichtsfeldes bei gleichzeitiger zentraler Aufgabe. Wichtig für Situation Awareness in taktischen Lagen.
  • 2HAND (Zweihandkoordination): Prüft die sensomotorische Koordination beider Hände gleichzeitig. Kommt bei Fahrzeugführung und Bedienung technischer Systeme zum Tragen.
  • VISGED (Visuelles Gedächtnis): Misst das visuelle Kurzzeitgedächtnis. Typischer Einsatzbereich: Einprägen von Kennzeichen, Täterbeschreibungen oder Grundrissen.
  • SIGNAL (Signaldetektion): Erkennen relevanter Signale vor diffusem Hintergrund. Zielt auf das Entdecken getarnter Ziele oder Anomalien.
  • ZVT-G (Zahlenverbindungstest): Misst die Verarbeitungsgeschwindigkeit und mentale Flexibilität.

Wie Ergebnisse bewertet werden: Der Prozentrang

Das WTS gibt Ergebnisse nicht als Rohpunkte aus, sondern als Prozentrang (PR) im Vergleich zur Normstichprobe. PR 70 bedeutet: Du hast besser abgeschnitten als 70% der Personen in der Vergleichsgruppe. PR 50 ist der Median.

Ein Reaktionstest-Ergebnis von 280 ms mittlere Reaktionszeit ist ohne Kontext bedeutungslos. Mit Prozentrang wird daraus: Du liegst bei PR 65, besser als 65%, schlechter als 35% der Normgruppe.

ProzentrangBedeutungEinordnung
PR 90–100Top 10%Sehr gut — klarer Vorteil im EAV
PR 70–89Oberes DrittelGut — informeller Zielbereich Spezialeinheiten
PR 50–69Mittleres DrittelDurchschnitt — für reguläre Polizei oft ausreichend
PR 30–49Unteres MittelfeldGrenzwertig — Risiko je nach Einheit
unter PR 30Unteres DrittelUnter Mindestschwelle regulärer Einstellungstest

Für den regulären Polizei-Einstellungstest gelten oft PR 30–33 als Mindestanforderung. Für Spezialeinheiten wie SEK oder GSG9 liegen die informellen Erwartungen deutlich höher. Offizielle Mindestwerte werden nicht veröffentlicht. Bewerber mit Erfahrungsberichten nennen Richtwerte um PR 70–80 für den kognitiven Block. Das sind keine offiziellen Zahlen.

Ein Detail zur Normierung: Schuhfried pflegt standardmäßig allgemeine Normstichproben und spezifische Normen (z.B. die 'Norm Initiative VERKEHR' für den verkehrspsychologischen Bereich). Behörden können eigene Vergleichswerte importieren. Manche erstellen interne Normen auf Basis bereits erfolgreicher Beamter. Ob es eine einheitliche 'Deutsche Polizei-Norm' gibt, ist öffentlich nicht bestätigt. Einige Behörden nutzen einen sogenannten 'Fit-Wert', der das individuelle Ergebnis mit einem vordefinierten Idealprofil abgleicht.

Der entscheidende Faktor: Tests nach körperlicher Belastung

Der größte Irrtum bei der Vorbereitung auf den kognitiven EAV-Block im Wiener Testsystem: Kognitive Tests immer ausgeruht zu üben.

Im EAV folgen kognitive Tests oft direkt nach dem Sportblock. Nach dem Cooper-Test, nach der Hindernisbahn, nach einer schlaflosen Nacht. Dann sitzt du am Terminal und der Determinationstest startet. Wer den DT ausgeruht am Schreibtisch geübt hat, trainiert die falsche Bedingung.

Die Forschung dazu ist eindeutig: Schon 8 Grad mehr Raumtemperatur (22 auf 30 Grad) drückt DT-Ergebnisse runter. Simulierter Höhensauerstoffmangel auf 3.700 m lässt die visumotorischen Werte einbrechen. Und bei Schlafentzug explodieren Auslassungen und Fehlreaktionen, vor allem in Vigilanztests.

Im EAV kommen mehrere dieser Stressoren zusammen: Erschöpfung, Schlafentzug, Zeitdruck, Prüfungsangst. Wer Kopfarbeit und Sport nie kombiniert trainiert hat, kennt seinen eigenen Abfall unter diesen Bedingungen nicht.

Die Lösung: Kognitive Trainingseinheiten direkt nach körperlicher Belastung einbauen. Nach dem Laufen sofort an den Laptop. Cooper-Test simulieren, dann 15 Minuten Determinationstest-Übungen. Das trainiert die Kombination, nicht die Teile.

Praktische Vorbereitung: Was wirklich hilft

Offizielle Übungsversionen

Schuhfried bietet über autorisierte Testzentren Zugang zu Übungsversionen der WTS-Module. Das ist die direkteste Vorbereitung: echte Testoberfläche, echte Aufgabenstruktur. Solche Testzentren gibt es an Universitäten und in psychologischen Praxen. Die Kosten variieren, typischerweise zwischen 50 und 150 Euro pro Stunde.

Was die Forschung dazu sagt: Studien belegen signifikante Übungseffekte beim Determinationstest. Durch wiederholte kognitive Interventionen nahm die reaktive Belastbarkeit zu und die Reaktionszeiten sanken messbar. Die Steigerung der Geschwindigkeit ging allerdings teilweise mit einer höheren Fehlerrate einher. Heißt: Du wirst schneller, aber nicht automatisch genauer. Training muss deshalb beides adressieren: Tempo und Präzision.

Vergleichbare Reaktions- und Aufmerksamkeitstrainer

Für regelmäßiges Training ohne Testzentrum gibt es freie und kostenpflichtige Alternativen, die ähnliche kognitive Anforderungen simulieren: Dual-Task-Aufgaben (gleichzeitige Verarbeitung mehrerer Reize), Wahlreaktionstests und Konzentrationsübungen unter Zeitdruck. Die PPF CogPrep App ist darauf ausgerichtet, EAV-spezifische Belastungsmuster zu simulieren, inklusive Kombinationseinheiten nach körperlicher Belastung.

Trainingsstruktur: Kognition in den Trainingsplan integrieren

  • 2–3x pro Woche: 20–30 Minuten Kopfarbeit, direkt nach Sport — nicht davor, nicht separat
  • Fokus auf DT-ähnliche Aufgaben: mehrere simultane Reize, kontinuierliche Belastung, kein Reset
  • Reaktionszeit-Baseline messen: zu Trainingsbeginn und alle 4 Wochen. Ohne Baseline weißt du nicht, ob du besser wirst
  • Vigilanz-Training einbauen: 15–20 Minuten Überwachungsaufgaben ohne Pausen, unregelmäßige Signale
  • Fehlerrate protokollieren: Schnelligkeit ohne Genauigkeit ist kein Fortschritt

Häufige Fehler bei der Vorbereitung

Kognition komplett ignorieren

Der klassische Fehler. Monate Sporttraining, keine Minute mentales Training. Der Sportblock ist das sichtbare Ziel — der kognitive Block läuft im Hintergrund mit. Bei Spezialeinheiten scheitern nicht alle am Sport. Ein erheblicher Anteil scheitert am kognitiven Block.

Nur ausgeruht trainieren

Wenn mentale Übungen immer nach ausreichend Schlaf, ohne vorherige körperliche Belastung gemacht werden, wird die falsche Bedingung trainiert. Das EAV testet die Kombination. Wer sie nicht kennt, erlebt sie zum ersten Mal unter Prüfungsbedingungen.

Reaktionszeit als einzigen Indikator nehmen

Schnell allein reicht nicht. Ein Bewerber mit 200 ms mittlerer Reaktionszeit und 30% Fehlerrate zeigt ein schlechteres Profil als einer mit 270 ms und 5% Fehlerrate. Das WTS bewertet beides — und Einheiten wollen beides.

Kurzfristig anfangen

Kognitive Kapazität verändert sich langsamer als Kraft oder Ausdauer. Wer zwei Wochen vor dem EAV mit DT-Übungen anfängt, verbessert seine Ausgangsbasis kaum noch. Der Aufbau braucht Monate. Das gilt besonders für Vigilanz und Belastungstoleranz unter Erschöpfung.

Zusammenfassung: Was wirklich zählt

  • Das Wiener Testsystem misst Reaktion, Konzentration, Aufmerksamkeit und visuelle Verarbeitung. Nicht IQ oder Bildung
  • Ergebnisse als Prozentrang: PR 70+ ist der informelle Zielbereich für Spezialeinheiten
  • Der Determinationstest (DT) ist die anspruchsvollste Komponente: 9 Signalkanäle, adaptives Tempo, misst 6 verschiedene Parameter
  • Der entscheidende Unterschied zu normalem Kognitionstraining: Sport und Kognition kombinieren, nicht trennen
  • Vorbereitung beginnt Monate vor dem EAV, nicht Wochen
  • Reaktionszeit und Fehlerrate sind beide relevant. Keiner der beiden Werte allein reicht

Wer die mentale Vorbereitung erst im EAV beginnt, hat sie nicht begonnen. Wer sie isoliert vom Sport trainiert, hat die falsche Bedingung trainiert. Wer beides richtig macht, geht mit einem echten Vorsprung ins EAV.

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Niklas Voss

Niklas Voss

Gründer PPF Germany · Ehemaliger Soldat

Niklas ist ehemaliger Soldat und Gründer von PPF Germany. Seit 2019 hat er mit seinem Team aus aktiven Spezialeinheitsangehörigen über 738 Athleten erfolgreich durch militärische und polizeiliche Auswahlverfahren begleitet.

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