Allgemein05.10.20267 Min. Lesezeit

IFAK: Was in dein Erste-Hilfe-Kit für den Einsatz gehört

IFAK: Was in dein Erste-Hilfe-Kit für den Einsatz gehört

Kurze Antwort: Ein IFAK (Individual First Aid Kit) ist dein persönliches Trauma-Kit für lebensgefährliche Verletzungen, an dir selbst oder an einem Kollegen. Der Kern sind vier Teile: Gloves, Tourniquet, Pressure Bandage und Hemostatic Gauze. Dazu gehören zwei Chest Seals, Trauma Shears, ein Marker für die Uhrzeit und eine Rettungsdecke. Entscheidend ist nicht die Menge, sondern dass du jedes Teil mit beiden Händen erreichst und unter Stress anwenden kannst.

Was ist ein IFAK?

IFAK steht für Individual First Aid Kit, das persönliche Erste-Hilfe-Kit. Der Begriff kommt aus dem Militär und hat sich bei Polizei, Rettungsdienst und Sicherheitsdiensten durchgesetzt. Ein IFAK ist kein Verbandkasten für Schürfwunden. Es ist für die Minuten gebaut, in denen jemand an einer Blutung oder einer Brustkorbverletzung sterben kann, bevor der Rettungsdienst da ist.

Deshalb ist es klein, griffbereit und auf wenige Teile reduziert. Jedes Teil im IFAK beantwortet eine Frage aus dem MARCH-Schema, der Reihenfolge, nach der in der taktischen Notfallmedizin versorgt wird.

Warum ein Tourniquet allein nicht reicht

Die wichtigste Studie dazu stammt aus dem US-Militär. Eastridge und Kollegen haben 4.596 Gefallene aus Irak und Afghanistan von 2001 bis 2011 ausgewertet. 87,3 Prozent starben, bevor sie eine medizinische Behandlungseinrichtung erreichten. Von diesen Todesfällen galt knapp ein Viertel (24,3 Prozent) als potenziell überlebbar, und davon gingen 90,9 Prozent auf Blutung zurück.

Der Teil, den die meisten IFAK-Ratgeber weglassen: Nur 13,5 Prozent dieser tödlichen Blutungen lagen an Armen oder Beinen, wo ein Tourniquet wirkt. 19,2 Prozent lagen an den Übergängen zwischen Rumpf und Gliedmaßen, also Leiste, Achsel und Hals, und 67,3 Prozent am Rumpf selbst.

Ort der tödlichen BlutungAnteilWas im IFAK hilft
Arme und Beine13,5 %Tourniquet
Leiste, Achsel, Hals (junctional)19,2 %Hemostatic Gauze, Wound Packing, Druck
Rumpf67,3 %Im Feld kaum stillbar: schneller Transport entscheidet

Daraus folgt zweierlei. Erstens: Hemostatic Gauze und Wound Packing sind kein Zusatz, sondern Pflicht, weil ein Tourniquet an Leiste oder Achsel nicht greift. Zweitens: Kein IFAK ersetzt den schnellen Weg in den OP. Die Zahlen stammen aus dem Gefecht und lassen sich nicht eins zu eins auf Polizei- oder Zivillagen übertragen. Die Logik dahinter gilt trotzdem.

IFAK, erweitertes Kit, Sanitätsrucksack

Händler unterscheiden oft IFAK, AFAK und MFAK. Eine einheitliche Norm dafür gibt es nicht. Sinnvoll ist die Unterscheidung nach Rolle:

IFAKErweitertes KitSanitätsrucksack
Wer trägt esJede EinsatzkraftTruppführer, EinsatzersthelferSanitäter, Medics, Notfallsanitäter
ZweckSelbst- und KameradenhilfeMehrere Verletzte, mehr MaterialErweiterte Versorgung
InhaltMARCH-Kern (siehe unten)IFAK plus Reserve an TQ, Gauze, Chest SealsZusätzlich Atemweg, Zugänge, Medikamente
AusbildungBleeding Control, Stop the BleedTECC oder TCCCSanitäts- oder Rettungsdienstausbildung

Wenn du nur ein Kit trägst, dann ein IFAK. Alles darüber hinaus lohnt sich nur mit der passenden Ausbildung.

IFAK-Checkliste nach MARCH

MARCHTeilMengeWofür
M – Massive HemorrhageTourniquet (CoTCCC-empfohlen)1–2Lebensgefährliche Blutung an Arm oder Bein
M – Massive HemorrhageHemostatic Gauze1Blutung an Leiste, Achsel, Hals
M – Massive HemorrhagePressure Bandage (Emergency Bandage)1Druck aufrechterhalten
M – Massive HemorrhageGloves (Nitril)2 PaarEigenschutz
A – Airway––Im Standard-IFAK für Nicht-Sanitäter meist nichts
R – RespirationChest Seal (vented)2Offene Brustkorbverletzung, Ein- und Austritt
C – Circulation––Schockerkennung, kein eigenes Material
H – HypothermiaRettungsdecke1Wärmeerhalt
DazuTrauma Shears, Markerje 1Kleidung aufschneiden, Uhrzeit notieren

Tourniquet

Das Tourniquet ist eine Abbindung mit Knebel, mit der du eine lebensgefährliche Blutung an Arm oder Bein stoppst. Nimm nur Modelle, die vom CoTCCC (Committee on Tactical Combat Casualty Care) empfohlen sind. Die TCCC-Guidelines schreiben das ausdrücklich vor: „Use a CoTCCC-recommended limb tourniquet.“ Auf der CoTCCC-Liste stehen unter anderem das Combat Application Tourniquet (CAT) Gen 7, SAM-XT, SOFTT-W und TMT. Billige Nachbauten sehen gleich aus, halten dem Zug aber nicht zuverlässig stand.

Kurz zur Anwendung: 5 bis 8 cm oberhalb der Wunde, nicht auf einem Gelenk, so fest anziehen, bis die Blutung steht, Uhrzeit notieren und nicht wieder lösen. Wie Blutungskontrolle Schritt für Schritt geht, steht in unserem Artikel zu Bleeding Control.

Hemostatic Gauze

Hemostatic Gauze ist eine Wundauflage mit einem blutstillenden Wirkstoff. Du stopfst sie tief in die Wunde (Wound Packing) und drückst danach fest. Die TCCC-Guidelines nennen Combat Gauze als erste Wahl, Celox Gauze und ChitoGauze als Alternativen, und verlangen mindestens 3 Minuten direkten Druck nach dem Einbringen. Auch die deutsche S3-Leitlinie Polytrauma empfiehlt Chitosan-Auflagen bei Stich-, Schuss- und Explosionsverletzungen. Nach den Zahlen oben ist sie neben dem Tourniquet das zweite Pflichtteil.

Pressure Bandage

Die Pressure Bandage (auch Emergency Bandage oder Israeli Bandage) ist ein Druckverband mit integriertem Druckelement. Damit hältst du den Druck auf einer Wunde aufrecht, nachdem die Blutung kontrolliert ist, und hast die Hände wieder frei. Die ERC-Leitlinien 2025 sehen den Druckverband genau dafür vor: „Once bleeding is under control, apply a pressure dressing.“

Gloves

Nitril statt Latex, weil Latexallergien häufig sind. Zwei Paar, oben im Pouch: Handschuhe reißen, und manchmal gibt es mehr als einen Verletzten.

Chest Seal

Ein Chest Seal ist ein selbstklebendes Pflaster, das eine offene Brustkorbverletzung luftdicht abdeckt. Die TCCC-Guidelines empfehlen einen vented Chest Seal, also einen mit Ventil, und nur wenn keiner da ist einen ohne. Pack zwei ein: Ein Durchschuss hat einen Ein- und einen Austritt.

Rettungsdecke

Verletzte kühlen schnell aus. Die TCCC-Guidelines fordern deshalb frühen, konsequenten Wärmeerhalt. Im IFAK reicht der Platz meist nur für eine Rettungsdecke. Das ist das Minimum, nicht das Ideal.

Trauma Shears und Marker

Mit Trauma Shears schneidest du Kleidung auf, um die Wunde zu sehen. Mit dem Marker schreibst du die Uhrzeit auf das Tourniquet. Die TCCC-Guidelines verlangen, jedes Tourniquet mit dem Zeitpunkt der Anlage zu markieren, damit die nächste Versorgungsstufe weiß, wie lange es schon liegt.

Minimalausstattung: Was mindestens rein muss

Wenn du nur Platz für das Nötigste hast, halte dich an den Hartford Consensus III. Er wurde von Vertretern des American College of Surgeons, des FBI, des US-Heimatschutzministeriums und von Einsatzbehörden entwickelt und nennt vier Teile als Kern eines persönlichen Trauma-Kits:

  • Gloves
  • Tourniquet
  • Pressure Bandage
  • Hemostatic Gauze

Chest Seal und Trauma Shears kommen als Ergänzung dazu. Stop the Bleed, das Programm des American College of Surgeons, empfiehlt für öffentliche Bleeding-Control-Kits fast dieselbe Liste: Tourniquet, Wound Packing Gauze, Compression Bandage, Hemostatic Dressing, Gloves, Marker und Shears.

Was nicht ins IFAK gehört

Die Regel ist einfach: Was keiner MARCH-Priorität dient, kommt raus. Jedes überflüssige Teil kostet Platz und Zeit beim Suchen.

  • Pflaster und Kleinkram für Bagatellverletzungen. Dafür gibt es den Verbandkasten oder ein separates Kit.
  • Medikamente. Gabe nur mit Ausbildung und Befugnis, also im Sanitätsmaterial, nicht im IFAK.
  • Schienen. Knochenbrüche sind schmerzhaft, aber selten in den ersten Minuten lebensgefährlich.
  • Nahtmaterial. Wundverschluss ist keine Notfallmaßnahme.
  • Trainingsmaterial. Übungs-Tourniquets und Echtmaterial gehören nie in denselben Pouch.

Das richtige Kit für deinen Einsatzzweck

Der MARCH-Kern bleibt gleich, Menge und Trageort ändern sich mit der Lage:

EinsatzzweckInhaltWorauf achten
Dienst PolizeiMARCH-Kern, Tourniquet zusätzlich griffbereit am Gürtel oder an der WesteMit beiden Händen erreichbar, dienstliche Vorgaben haben Vorrang
Dienst BundeswehrAusgegebenes Material am PlattenträgerErgänzen nur nach Vorgabe der Einheit, immer gleicher Platz
FahrzeugMARCH-Kern plus Reserve: 2 Tourniquets, mehr Gauze und Verbände, 2 RettungsdeckenSichtbar und schnell erreichbar lagern, Hitze im Sommer beachten
Schießstand und TrainingMehrere Blutungssets für mehrere VerletzteEchtmaterial klar vom Übungsmaterial trennen
Privat und AlltagKompakt: Tourniquet, Hemostatic Gauze, Pressure Bandage, GlovesKlein genug, dass du es wirklich dabeihast

Faustregel: Wenn du vor allem dich selbst versorgen willst, reicht das kompakte Kit. Wenn du andere versorgst, etwa als Truppführer oder Ausbilder, pack Reserve ein.

Die Einsatzzweck-Tabelle beruht auf Erfahrungswerten aus unseren Kursen, nicht auf einer Leitlinie.

So packst du dein IFAK in Schichten

  • Vorne: Blutstillung. Gloves, Hemostatic Gauze, Pressure Bandage. Das brauchst du zuerst.
  • Mitte: Brustkorb. Chest Seals, flach in der Folie, dazu Marker.
  • Hinten: Reserve und Wärme. Rettungsdecke, Trauma Shears, zusätzliches Material.
  • Tourniquet außen. Nicht im Pouch, sondern griffbereit daneben oder obendrauf, auf deine starke Hand ausgerichtet.
  • Abreißbar montieren. Ein Pouch mit Abreißfunktion (Rip-Away) lässt sich zum Verletzten mitnehmen, ohne Gürtel oder Weste zu lösen.
  • Immer am selben Platz. Unter Stress greifst du dorthin, wo du geübt hast, nicht dorthin, wo das Kit heute liegt.

Diese Packlogik ist ein Erfahrungswert aus unseren Kursen, keine Leitlinienvorgabe.

Wartung: So bleibt dein IFAK einsatzbereit

  • Verfallsdatum prüfen. Hemostatic Gauze und Chest Seals haben eines. Einmal im Jahr durchsehen, Fahrzeugkits öfter.
  • Lagertemperatur beachten. Die Klebefläche von Chest Seals verträgt große Hitze schlecht. Im Auto im Sommer lieber öfter prüfen und die Angaben auf der Verpackung ernst nehmen.
  • Nach jedem Einsatz auffüllen. Ein halb leeres IFAK fällt erst auf, wenn du es brauchst.
  • Verpackung kontrollieren. Beschädigte oder geöffnete Verpackungen sofort ersetzen.
  • Regelmäßig üben. Den kompletten Griff vom Gürtel bis zum angelegten Tourniquet, mit Handschuhen und auch im Dunkeln.

Häufige Fehler

  • Tourniquet ohne CoTCCC-Empfehlung. Nachbauten brechen oder rutschen unter Last.
  • Nur ein Tourniquet, keine Gauze. Leiste, Achsel und Hals lassen sich nicht abbinden.
  • Kit tief im Rucksack. Was du nicht in Sekunden erreichst, nützt dir bei einer arteriellen Blutung nichts.
  • Übungs- und Echtmaterial gemischt. Im Ernstfall hältst du dann ein Trainings-Tourniquet in der Hand.
  • Nie geübt. Ein IFAK, mit dem du nie trainiert hast, ist Gewicht, keine Ausrüstung.

Ein IFAK ersetzt kein Training

Die Teile sind schnell gekauft. Ein Tourniquet unter Stress an dir selbst anzulegen oder eine Wunde richtig zu packen, lernst du nur durch Wiederholung. Im Bleeding Control Kurs übst du genau das: Tourniquet, Wound Packing und Pressure Bandage an realistischen Szenarien. Wer im Einsatz versorgen muss, geht im TECC-Kurs einen Schritt weiter.

Quellen

Dieser Artikel ersetzt keine Ausbildung und keine ärztliche Beratung.

Häufige Fragen

Was bedeutet IFAK?

IFAK steht für Individual First Aid Kit, das persönliche Erste-Hilfe-Kit für lebensgefährliche Verletzungen wie starke Blutungen oder offene Brustkorbverletzungen.

Was gehört in ein IFAK?

Mindestens Gloves, Tourniquet, Pressure Bandage und Hemostatic Gauze, so nennt es der Hartford Consensus III. Dazu kommen zwei Chest Seals, Trauma Shears, ein Marker für die Uhrzeit und eine Rettungsdecke.

Warum braucht ein IFAK Hemostatic Gauze, wenn ein Tourniquet drin ist?

Weil ein Tourniquet nur an Armen und Beinen wirkt. In der Auswertung von Eastridge et al. (2012) lagen nur 13,5 Prozent der potenziell überlebbaren tödlichen Blutungen an den Extremitäten, 19,2 Prozent an Leiste, Achsel und Hals. Dort hilft nur Wound Packing mit Hemostatic Gauze und Druck.

Was ist der Unterschied zwischen IFAK und AFAK?

IFAK ist der etablierte Begriff für das persönliche Trauma-Kit. AFAK ist kein einheitlicher Standard und steht je nach Hersteller für ein erweitertes Kit mit mehr Material für mehrere Verletzte. Entscheidend ist der Inhalt, nicht die Bezeichnung.

Wo trägt man ein IFAK am besten?

So, dass du es mit beiden Händen in Sekunden erreichst: im Dienst am Gürtel, an der Weste oder am Plattenträger, immer am selben Platz. Das Tourniquet gehört griffbereit außen an den Pouch, nicht hinein. Im Rucksack nur, wenn das Kit außen und abreißbar befestigt ist.

Wie oft sollte ich mein IFAK prüfen?

Mindestens einmal im Jahr auf Verfallsdaten und beschädigte Verpackungen, Fahrzeugkits wegen Hitze und Kälte öfter. Nach jedem Einsatz sofort auffüllen.

Brauche ich eine Ausbildung für ein IFAK?

Für Tourniquet, Wound Packing und Pressure Bandage reicht ein Kurs wie Bleeding Control oder Stop the Bleed. Teile wie Atemwegshilfen gehören nur mit entsprechender Sanitätsausbildung ins Kit.

Niklas Voss

Niklas Voss

Gründer PPF Germany · Ehemaliger Soldat

Niklas ist ehemaliger Soldat und Gründer von PPF Germany. Seit 2017 hat er mit seinem Team aus aktiven Spezialeinheitsangehörigen über 738 Athleten erfolgreich durch militärische und polizeiliche Auswahlverfahren begleitet.

Experte für Auswahlverfahren seit 2017Autor-Profil →Alle Trainer

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